GOLDVERZIERT UND SCHÖN GEBUNDEN
AM FREITAG
Festlich umhüllt, weich und handwarm stimulieren sie Augen und Tastsinne. Die hier aufgeführten Bucheinbände mögen diese vorteilhaften Eigenschaften erfüllen. Das Maroquin oder auch Saffian genannte Leder aus Safi in Marokko wurde und wird nach wie vor bevorzugt für kostbare Einbände verwendet, denn die angenehme Haptik des Materials verführt und seine Langlebigkeit überzeugt nicht nur Bücherfreunde. In Frankreich bildeten sich aufgrund der Nachfrage ab Mitte des 18.Jahrhunderts große Gerbereien, die gefärbtes Maroquin für die kunstvolle Einbandproduktion lieferten. Gefertigt wurden die reichlich mit goldenen Prägungen versehenen Bücher vorzugsweise für den Adel und den königlichen Hof. Hiervon zeugt auch der hier vorliegende Wappeneinband mit zwei Wappensupralibros Ludwigs XIV. mit dreifachen Deckelfileten und Eckfleurons, Stehkantenvergoldung und Goldschnitt. Der König, der sich im Alter der Frömmigkeit zuwandte, ließ Bücher religiösen Inhalts drucken wie L’Office de la Semaine Sainte, das in dunkelrot gefärbtes Maroquin gebunden und mit dem königlichen L sowie den drei gekrönten königlichen Lilien in das geglättete Leder eingeprägt wurde. Ein weiterer Titel aus der königlichen Buchbinderei des nachgefolgten Ludwig XV. verfügt zudem über eine weitere interessante Provenienz. Die Wappensupralibros aus Krone und Lilien zieren die Deckel der zwei Maroquineinbände des Titels Nouveaux principes de la langue Allemande, pour l’usage de l’École Militaire. Der Autor Georg-Adam Junker war königlicher Zensor. Später sind die beiden Bände in die Bibliothek des bekannten Frankfurter Bankiers Max Grunelius gelangt. ☆ ★ ☆ ★ Der tiefrote Rokokoeinband der Heures nouvelles ist am fünfbündigen Rücken flächenfüllend mit feinsten Goldprägungen aus Blätter- und Blumenornamentik versehen, auf dem Vorder- und Hinterdeckel setzen sich diese fort, erweitert mit Libellen und Vögeln, die den Rand begrenzen, damit sich im Mittelfeld die Wirkung des geglätteten Maroquinleders entfalten kann. ☆ ★ ☆ ★ Über die Herkunft der beiden Damen ist sicherlich bereits gerätselt worden. Gekleidet in Roben des Pariser Couturiers Paul Poiret, sind sie dem ersten erschienenen Modekatalog eines Modehauses überhaupt elegant entstiegen. Doch ist nicht nur der ungewöhnlich typographierte Katalog aus dem Jahre 1908 ein Novum, sondern auch die Entwürfe der Kleider, die dem Körper neue Freiheiten jenseits des Korsetts ermöglicht haben und Aufsehen erregten. Der sehr seltene Modekatalog liegt lose in einer Halbmaroquin-Mappe mit goldgeprägtem Rückentitel und zudem in einem passenden Schuber. Heute ergibt sich die Gelegenheit, dass wir uns von dem äußeren Erscheinungsbild verleiten lassen. Nach der Verführung könnten wir einen zusätzlichen Blick in das Innere wagen. ☆ ★ ☆ ★
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ERSCHWINGLICHES FRANKFURT
AM FREITAG
Durch ein Guckkastenloch betrachtet, kommt die Hauptwache mit dem blauen Mansardendach unter pastos gestrichenem Himmelblau besonders gut zur Geltung. Da Guckkastenblätter mit Ansichten von fremden Städten aus fernen Ländern und andere mitunter effektreiche Motive vor allem in der zweiten Häfte des 18. Jahrhunderts immer wieder Guckkastenlustige anlockten, liefen Schausteller mit ihrem tragbaren Guckkasten über die Rummelplätze Europas: “Kommen Sie und sehen Sie, meine Herrschaften, die eindrucksvolle Hauptwache der Freien Reichsstadt Frankfurt! Spätes Barock in feinem Mainsandstein, Kanonen in Grün, die rote Flagge weht, bewaffnete Wachposten in unbeugsamer Pose. Stellen Sie sich im Verlies der Hauptwache den Räuber und Mörder Schinderhannes vor, im Mansardengeschoss hinter Schloss und Riegel den zänkischen Verleumder Senckenberg. An der Wache spielt dreimal die Woche Militärmusik in der Mittagszeit, hier ist was los, hier stand der grauenhafte Soldatengalgen und das Schafott, auf dem die Dienstmagd Susanna ihren letzten Atemzug tat. Hier war die Richtstätte der Stadt. Hier wirbelte das Trillerhäuschen die Gesetzesbrecher bis zur Bewußtlosigkeit umher, hier stand der Prangeresel.” Noch lauter fuhr er fort: “Spektakuläre Guckkastenblätter aus Paris! Bestaunen Sie das unvergleichbar schwungvoll gesetzte Kolorit des Verlages Basset.” Und weiter, angetrieben von den Ahhs und Ooohs der Menschenmenge: “Kaufen Sie! Erhellen Sie sich den grauen Monat November mit Käufen. Kaufen Sie Frankfurtgrafik und beleben Sie ihre Wohnungswände mit Kupferstichen, Lithographien oder Stahlstichen. Hier sehen Sie, meine Herrschaften, eine Illumination am Rossmarkt, hier eine Gesamtansicht, dort das Gallustor, die Alte Brücke, den Römer, Freischießen vor Frankfurts Türmen, ein Blatt seltener als das andere. Nur im November! 30% auf jede Frankfurtgrafik, 50% für zwei ungefähr gleichwertige! Bester Erhaltungszustand, beste Motive von Frankfurt am Main, gerahmt und nicht gerahmt. Greifen Sie zu, bevor die schönsten Blätter verkauft sind!”
GESTOCHEN SCHARF - KUPFERPORTRÄTS AM FREITAG
Der Kupfer- bzw. Tiefdruck ist ein Stichverfahren. Eingefurchte Vertiefungen in der Kupferplatte nehmen die eingeriebene Druckfarbe auf und geben diese wiederum im Druckverfahren an das Papier weiter. Die Darstellung einer Kupferdruckwerkstatt mit dem an einer Kupferplatte arbeitenden Stecher Wolfgang Kilian und seinem aufmerksamen Werkstatthund ermöglicht uns einen Einblick in die unterschiedlichen Arbeitsprozesse. Der Kupferstich, der in dieser Liste bevorzugt vorgestellt wird, besteht vor allem aus einem Geflecht von Linien und Punkten. Wir können uns vorstellen, dass der Kupferstecher über reichliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen verfügen muss, um überzeugend unterschiedliche Materialien darzustellen und um zudem die Detailfreudigkeit dieser Technik erfolgreich nutzen zu können. Der interessierte Betrachter wird bei genauem Hinsehen in der eindrucksvollen Perückenpracht des Samuel Pufendorf an- und abschwellende Kurven entdecken, ebenso in Taille gezeichnet ist der drapierte Stoff über dem steinernen Rahmenoval für das Bildnis des Archäologen Bonaventura van Overbeke und zahlreich sind die Variationen der Gitternetze im Vorder- und Hintergrund, die die unterschiedlichen Steingebäude des alten Roms vergegenständlichen. In einem unbeugsamen, tiefen Schwarz äugt die Pupille des Völkerrechtlers Hugo Grotius aus seinen Werken, der wertvoll glänzende Brokat-Satin-Stoff von Katharina II. präsentiert sich in harten, gewellten sowie schattierten Linien, hingegen zerbrechlich und pergamentartig entweicht uns in zarten Punkten und kurzen Linien der hypochondrische Hans Christian Andersen in das Märchen seines Lebens. Die Linienvielfalt des Stichverfahrens wird bereits nach dieser bescheidenen Aufzählung erahnbar.
Anfang des 19.Jahrhunderts wird der Kupferstich durch andere Verfahren wie durch den Stahlstich oder die Lithographie, die höhere Auflagen ermöglichten, abgelöst und andere Schwarztöne eroberten die Bilderwelt der Zeitschriften, Zeitungen und Bücher. In weit geringeren Auflagen, die beim Kupferstich höchstens bis 1000 Exemplare betragen, entfaltet sich in folgender Liste eine Porträtgallerie von lächelnden, aber auch grimmig dreinschauenden Gelehrten oder Herzögen, häufig verewigt in Steinovalen oder in Tempelchen wie der Ädikula, die seit dem 16.Jahrhundert über 200 Jahre lang immer wieder Verwendung fanden, wie auch bei Johann Philipp Thelott, der zeitweise in Frankfurt lebte und 1671 hier starb. Noch bis zum 1. Februar 2026 kann in Hanau im Schloss Philippsruhe eine Ausstellung mit seinen Arbeiten angeschaut werden. Der Kurator der Ausstellung, Prof. Dr. Holger Gräf, wird uns am 1.Okober im Tresor am Römer mit einem Vortrag die Ehre geben.
AUTOGRAPHEN UND BRIEFAUSGABEN AM FREITAG
Der Schlusssatz eines Briefes drückt in Prägnanz das Verhältnis des Briefschreibers zu dem Empfänger aus. Häufig unterliegt dieser letzte Satz einer Formel, die variiert werden kann, allerdings ist hierfür - wir wissen es aus eigener Erfahrung - Fingerspitzengefühl vonnöten. Wir haben Abschiedssätze einiger Briefe unserer neuen Angebotsliste entnommen und fragen uns, ob die Briefeverfasser anhand diesen wenigen aber prägnanten Worten erkannt werden können. Einer der Schlusssätze ist von Johann Wolfgang Goethe, der an Friedrich Schiller gerichtet ist und dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794-1805 entnommen ist. Der letzte Satz beider Korrespondenten wirkt zumeist etwas steif und wiederholt sich hartnäckig, so dass für diesen Zweck lange in den vornehm vergoldeten Halblederbänden geblättert wurde, bis sich ein fast übermütiges Briefende anbietet. Herzlicher und freundschaftlicher erscheinen uns die Grußworte des begeisterten Erbauers eines Freundschaftstempels seiner Zeit. Johann Wilhelm Ludwig Gleim hegt und pflegt seinen ehemaligen Schüler Christian Adolph Klotz mit beinahe übertriebener Wortwärme. Über dem raumgreifenden Fch des Königs von Preußen, Friedrich II, verdeutlicht dieser seine Gewogenheit aber auch seinen Herrscheranspruch gegenüber dem Etats-, Kriegs- und Staatsminister Ludwig Philipp Freiherr vom Hagen in einem hier vorliegendem Schreiben von 1767. Von der alten Schule zeigte sich Lyonel Feininger, als er der deutschen Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Mela Escherich 1928 mit fast fliegenden Buchstaben eine Abdruckgenehmigung erteilte und sich ihr gefügig erkennen ließ. Ernst Bloch ist von aufrichtiger Offenheit in seiner Kritik in dem umfangreichen Brief an seinen Freund Joachim Schumacher aus dem Jahre 1937. Gefühl und Verbundenheit finden Ausdruck in zwei Worten. Stilvoll und mit großer Verve endet hingegen der Brief des französischen Architekten Le Corbusier. Und besonders gerne hätten wir einen kleinen Liebesbrief von Christian Fürchtegott Gellert bekommen. Seine letzten Briefsätze - vor allem die an Damen - sind überschwenglich, leuchtend, frech und von rarer Einzigartigkeit.
Die Zeichenfeder von Alfred Kubin feuert eine Glückwunschkanonenkugel von Zwickledt nach Waldhäuser und um den Variantenreichtum unserer Autographenauswahl zu unterstreichen, folgt noch ein Pudel-Bienen-Paar, das Eugen Hildach zu seinem musikalischen Programmvorschlag Erstes Grün gezeichnet hat … -------------------------------------------------------------------------------- ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Ich küsse Ihnen die Hand, liebste Braut , und bin in acht Tagen selbst bey Ihnen. Da will ich Ihnen durch mein Vergnügen über Ihr Glück beweisen, dass ich vor tausend anderen bin. ------------- --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- ----------------------------------------------------------- Herzlich Dein … --------------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
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------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Ich bin Euer wohlaffektionierter König ----------------------
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Veuillez agréer, cher Monsieur, l'expression de mes meilleurs sentiments … ---------------------------------------------------------------------
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------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Mit freundlichem Gruß. Ihr ergebener …
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Ich bin, mein liebster Freund, mit wahrem Herzen, Ihr … -----------------------------------------------------------------------------------------
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---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Leben Sie recht wohl, grüßen Ihre liebe Frau und gedenken mein, wenn Sie den Braten verzehren den ich Ihnen hier überschicke. --------
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REISEFIEBER AM FREITAG
"Ich bin auf Reisen", schreibt die Meisterdiebin "folge mir nicht!", und weiter: "P.S. Den Ptolemaeus in der italienischen Übersetzung von Cernoti, den Du wahrscheinlich vermisst, habe ich mir ausgeliehen.", und während sie dies schreibt, kreuzt sie automatisch Zeige- und Mittelfinger. Sie kennt sowohl den Wert als auch die Bedeutung der Geografia und nimmt das darin liegende Kärtchen in die Hand: "... Venedig, Battista & Giorgio Galignani, 1598 ... mit 2 gestochenen Titelvignetten, 1 blattgroßen und 63 halbseitigen Kupferkarten und zahlreichen schematischen Holzschnitten im Text. Pergament der Zeit ... Enthält 27 sogenannte „alte ptolemaeische“ und 37 „moderne“ Karten, darunter die blattgroße und die 3 halbseitigen Weltkarten, 1 Karte von Amerika und Teile Amerikas auf 6 weiteren Karten." Mit flinken Fingern blättert sie in der jüngsten Beute bis zu der zwölften Karte von Asien neben dem Elefanten mit den großen Füßen und vergleicht sie mit ihren eigenen leisen, aber nicht kleinen Diebesfüßen. Der eigentliche Besitzer - ein Bibliophiler, ein Sammler, ein Manischer - wird versuchen sie zu finden, um das Buch zurückzubekommen. "Ich werde ihn irreführen und auf Reisen locken", denkt sie listig, geht an ihr Bücherregal mit der Reiseliteratur und zieht von Karl August Mayer Neapel und die Neapolitaner oder Briefe aus Neapel in die Heimat von 1840-42 mit unverblümten Betrachtungen heraus und zitiert als wären es ihre eigenen Beobachtungen. "Mache Dir keine Sorgen. Hier sind alle sehr zuvorkommend. Ich bin in einer Stadt, wo die Männer sehr leidenschaftlich im Genusse der Liebe sind, wenn anders, was ich meine, den schönen Namen Liebe verdient." Und weiter: “Nach dem Koordinatensystem von Ptolemaeus befinde ich mich hier: 49 .31 20. Küsschen. Deine Comtesse de Monteil", schließt sie den Brief mit einem ihrer anspielungsreichen Tarnnamen.
Für den zweiten Brief bedient sich die Getarnte des sehr seltenen Buches Reise nach Mequinetz, der Residentz des heutigen Kaysers von Fetz und Marocco, welche der Herr Commandeur, Carl Stuart, als Groß-Britannischer Gesandter, Anno 1721 zu Erledigung der dortigen Gefangenen abgelegt hat. Für die erste deutsche Ausgabe hat sie beinahe Zweitausend Euro ausgegeben: "Schließlich ist der Bericht selten und ausführlich, alle Falttafeln sind vorhanden", rechtfertigt sich die Sammlerin (die sie auch ist) vor der Diebin und enfaltet eine der sechs Kupferstichtafeln, bevor sie die Aufgaben der sogenannten Kebs-Weiber im Kaiserpalast aus dem Buch zitiert - die hier jedoch aus Gründen der Unzumutbarkeit nicht wiedergegeben werden können - und weiter: “Ich befinde mich im nördlichen Marokko. Grüße aus Afrika von Carl Stuart und Deiner Comtesse“ Für den dritten Brief bedient sich die Betrügerin im Reisefieber der Frühlingsfahrt nach den Canarischen Inseln: “Nach dem scharfen Ritt auf den vom Regen schlimm bestellten Wegen erquickte mir Don Juan sofort mit einem Steigbügeltrunk vortrefflichen Malasiers, wie er des altberühmten Weinbezirks würdig war. Bei Tische traf ich zwei Herren aus der Gegend, Verwalter von Landgütern, die mir die Kartoffeln als insulares Product von hohem Interesse anpriesen, während sie gerinschätzig von den herrlichen Bananen und den noch schöneren, hellgoldenen Orangen sprachen, mit denen der Wirt die Tafel bedeckte. Suppe in Tassen mit dem obligaten Münzblatte, ein derber Puchero und mehrere gute Fleischgerichte, selbst gebratene Waldtauben erschienen.” ”Der Drache am Nullmeridian des Ptolemaeus spendet mir Schatten.” Die Comtesse spielt mit dieser fährtendienlichen Bemerkung an auf den berühmten Drachenbaum von Icod de los Vinos, der in dem Reisebericht von H.Christ aus dem Jahre 1886 beschrieben wird. Ihr letzter Brief lautet schließlich: "Du möchtest sicherlich wissen, wo sich Deine Voleuse und vor allem Deine italienische Ausgabe der Geografia befinden, nachdem Du extra von Neapel nach Marokko und Teneriffa gereist bist. Ich muss Dich enttäuschen: Coordinate non disponibili. Für eine Erwerbung des Kartenwerkes nach Ptolemaeus empfehle ich Dir "Reisefieber am Freitag" des Antiquariats Tresor am Römer. Ciao Bello. Deine Ladra."
DER GEWÄSSERTE FREITAG
~~~~ Interessierte der heutigen Liste zum Thema Wasser begeben sich auf eine kleine Reise, die mit einer Segelschifffahrt ab Antwerpen beginnt. Einem informativen Gespräch mit dem Stecher Franz Hogenberg und dem Verleger Georg Braun über die Gesamtansicht der Hafenstadt aus dem Jahre 1580 und der Veröffentlichung des 6-bändigen Städteatlas folgt die Einschiffung auf die Flute Vaisseau, zu sehen auf dem altkolorierten Kupferstich, gedruckt bei Pierre Mortier. ⚐ ~~~~ ( ⚐ nebensächliche Reisenotizen: der Wind weht ablandig, die roten Flaggen flattern fröhlich vor den Wolken, der Anker wird gehisst, die Segel werden per Hand gesetzt und blähen sich auf, wir rufen "Aye, aye Käpt'n", der Kapitän: “Klar vorn und achtern!”, vom Hafen hören wir: “Mast- und Schotbruch!” und “Stets eine handbreit Wasser unterm Kiel!”, “Fair winds and following seas” ruft die Frau mit dem Kugelfischumhang aus, die neben Georg Braun auf der Gesamtansicht steht, wir winken und atmen kurz darauf tief eine Meeresbrise ein) ⚐ ~~~~ Zwei Groß-Folio-Bände mit köstlichen Darstellungen von Meerestieren kommen ins Gespräch: Sammlungsstücke zusammengesucht in Naturalienkabinetten von Georg Wolfgang Knorr für die zwei Bände Deliciae naturae selectae, verführisch wegen der Verlässlichkeit der beschriebenden Textangaben und vor allem wegen der Schönheit der Kupferstiche, die in Farbenvielfalt von Hand koloriert sind und uns entgegenleuchten: 7 Muscheln, 15 Korallen, 4 Seeigel, 7 Hummer und Spinnen, 4 Seesterne sowie 9 Fische, die mit den 6 Schmetterlingen, den 7 Vögeln, 14 Säugetieren und 12 Reptilien schillern um die Wette. Beim Anblick des Smutjes, der das Mittagessen einangeln will, kommt ein Herr mit anderen Hobbyanglern auf den Angelsport und die unterschiedlichen Angelmethoden zu sprechen: Flugangel, Grundangel, Spinnangel und Schleppangel, nachzulesen in Hermann Stork nebst Anleitungen zum Gebrauch anderer Angelgeräte. (Die Ehefrau des Angelinteressierten dreht sich bereits bei der Flugangel gelangweilt weg und beginnt mit dem netten Smutje ein Gespräch über ein Rezept für den Paradies-Fadenflosser; nebenbei zieht der enttäuschte Koch einen viel zu kleinen Hering aus den Fluten, wirft ihn wieder ins Meer und sagt “Schiet!”) ~~~~
Nun läuft das Schiff in die Elbe ein: moin Nobilis Fluvius Albis und moin, moin Hamburg, wo mit den beiden Geographen geschnackt wird, die ihr Tun für eine Karte von 1642 erläutern und das topographische Messgerät hochheben. Nachdem wir die Silhouette der herausragenden hamburgischen Türme mit der altkolorierten Kupferstichkarte verglichen haben, empfehlen wir den Landweg nach Lübeck und kramen den Roux de Rochelle Villes Anséatiques von 1844 mit der Darstellung des Lübecker Rathauses aus der Tasche. ~~~~ (weitere Nebensächlichkeiten: Nach Ankunft in Lübeck knurrt der nicht gegessene Hering im Magen und es wird Labskaus in der Schiffergesellschaft bestellt. Dieses Essen kommt den zahnlosen Freitagslistenseglern unter uns zugute, da es sich um eine breiartige Spezialität handelt, die früher vorzugsweise von skorbutgeschädigten Seeleuten verzehrt wurde. Aus eigener Erfahrung kann das Antiquariats- und Reiseveranstalterteam bestätigen, dass das Labskaus in Lübeck nicht mit Pökelfleisch, sondern mit Fisch zubereitet wird. In der Hansestadt vertüdeln wir uns zwischen Wakenitz und Trave, hinter einer Flasche Rotspon, vor einem Stück Marzipantorte sowie unter den sieben Kirchtürmen und verpassen das Schiff zur Insel Rügen) ~~~~ Die Insel kann glücklicherweise auch auf der belebten Karte von 1659 betrachtet werden. Sie ist umgeben von einer Wappenkartusche, Titelkartusche, von aufgebauschten Buchstabenwellen, von Schiffen und einem Seeungeheuer. Bevor unsere Eskapade im beliebten Seemannsgarn endet, soll noch auf einen Beweisversuch des Wissenschaftlers John Floyer aus dem Jahre 1749 hingewiesen werden, nämlich: Wieder belebte alte Psychrolusia (graece). Oder Versuch zu beweisen, daß kaltes Baden gesund und nützlich sey. Wir sollten die Wassertour mit einem kalten Bad beschließen und mit einem Glas kalten Schwefelwasser aus Bad Weilbach. Beobachtungen hierzu finden Sie bei H. Roth in der Veröffentlichung von 1847. ~~~~ Na denn man Prost, wecker nicks hett, dee hoost.