
Jörg Wickram (1505-1562) war einer der produktivsten Schriftsteller seiner Zeit und erlangte durch die Veröffentlichung von Volks- und Schwankbüchern (vor allem des "Rollwagenbüchleins") einen großen Bekanntheitsgrad. Er wurde 1505 als uneheliches Kind in Colmar geboren, weshalb ihm eine höhere Schulbildung untersagt war und auch eine Beschäftigung als Stadtschreiber, wie er sie ab 1555 in Burkheim am Kaiserstuhl ausübte, wäre ihm in seiner Heimatstadt auf Grund seiner unehelichen Geburt untersagt gewesen.
Er gehörte "zu den nicht seltenen kleinbürgerlichen Männern jener Epoche, an ihrer Spitze Hans Sachs, die mit offenem Sinn und behendem Fleiß soviel nur möglich an Bildungsschätzen, antiken und modernen, geistlichen und weltlichen, hörend und lesend sich zueigneten, verarbeiteten, popularisirten und auch den neuen Segen der Reformation schlicht aufnahmen und weitergaben." (ADB 42, 329)
Zunächst fand er in Colmar Beschäftigung als Goldschmied und Gerichtsdiener, widmete sich jedoch zunehmend auch der Schriftstellerei und Malerei. Um 1530 erschienen erste Werke, darunter Fastnachtsspiele und verschiedene Dramen, in die Wickram volkstümliche Motive und Stoffe einfließen ließ und die regelmäßig aufgeführt wurden. Dies bleibt zunächst auch das Feld, in dem Wickram am produktivsten ist. Erst in späteren Jahren erscheinen mehrere Romane (u.a. "Ritter Galmy vß Schottland" 1539, "Der Jungen Knaben Spiegel" 1554, "Der Goldtfaden" 1557) und andere Publikationen wie z.B. 1545 eine Übertragung von Ovids Metamorphosen, von Wickram selbst illustriert, die jedoch weder durch ihre sprachliche noch durch ihre künstlerische Qualität überzeugen konnte.
Im Jahr 1555 erscheint erstmals die Sammlung "Das Rollwagenbüchlin", in der Wickram bekannte, meist mündlich überlieferte Schwänke aus dem Elsässer Raum zusammengetragen hat und die somit als typische Publikation der frühneuzeitlichen Schwankliteratur bezeichnet werden kann. In kurzen, teils auch moralischen Geschichten mit volkstümlichem Personal werden alltägliche Situationen humoristisch wiedergegeben und vor allem Autoritäten des Klerus werden zum Ziel beißenden Spottes.
Noch zu Wickrams Lebzeiten erscheinenen vier weitere Auflagen und auch nach seinem Tod wird das "Rollwagenbüchlein" erweitert (so zum Beispiel durch einen zweiten und dritten Teil) und in neuen Auflagen veröffentlicht. "Sein Rollwagenbüchlein (eine Anekdotensammlung zur Unterhaltung im Reisewagen) gab der Schwankliteratur neue Anregung." (Goed. 2, 459)
Seine literarische Auferstehung verdankt Wickram der Romantik des 19. Jahrhunderts, so dass ab 1865 einige Neuausgaben erschienen, nachdem bereits Brentano und Achim von Arnim die Grünenwald-Geschichte des Rollwagenbüchleins verwandten.
WICKRAM, Jörg. Der Rollwagen. Ein hübsch, lustig, und kurtzweilig Büchlin, darinn vil guter Schwenck und Historien, von allerhand fröhlichem Gespräch, Schimpffreden, Speywerck und Bossen, begrieffen, Auff den Rollwagen, oder in Schiffen.... in drey unterschiedliche theil abgetheilet. Jetz von neuwem ubersehen, gemehrt, auch mit schönen Figuren geziert, sampt einem ordentlichem Register. 3 Teile in 1 Bd. Frankfurt, Paul Reffler für Melchior Schwartzenberger und Johann Feyerabend, 1574. Kl.-8°. 2 nn. Bl., 152, 5 nn., 1 weißes Bl.; 4 nn., 152, 7 nn. Bl.; 154 (davon 8 Blatt handschriftlich), 3 nn. Bl., mit 3 Titelholzschnitten und 120 teils wiederholten Textholzschnitten. Etwas späteres Pergament mit handschriftlichem Rückentitel, (gering fleckig). € 8.400,00
Von größter Seltenheit! Alle Merkmale deuten daraufhin, dass es sich um das Referenzexemplar von Hayn/Gotendorf handelt. - Diese Ausgabe nicht im VD 16 und nicht bei Goedecke. - Hayn/G. VIII, 397 f.; ADB 42, 328 ff. - Von uns konnte kein Exemplar des Titels auf einer deutschen Nachkriegsauktion nachgewiesen werden. Wie alle Titel Wickrams in Ausgaben des 16. Jahrhunderts von ausgesprochener Seltenheit. - Der 2. Teil mit dem Titel: Die Gartengesellschaft. (von Jacob Frey); der 3. Teil mit dem Titel: Der Wegkürtzer (von Martin Montanus). Die Zusammenstellung dieser 3 Teile erschien erstmals 1565 in Frankfurt. - "Den Bibliographen unbekannte Ausgabe. Weder Goedeke, noch Stöber in seinem Buch über Wickrams Schriften, Mühlhausen 1866, noch endlich H. Kurz in seiner Neuausgabe des Rollwagens erwähnen den vorliegenden Druck. Diese Werkchen gehören zu den größten Seltenheiten der deutschen Literatur des XVI. Jahrhunderts." (Martin Breslauer, 1909, nach Hayn/G. VIII, 398). - Titel in Rot und Schwarz. Namensstempel a. Tit. verso, durchschlagend. - Das Buch stammt aus dem Besitz von Dr. Gottfried Doehler, einem vogtländischen Heimatschriftsteller, aus Greiz. - In Teil 3 Blatt 143-150 handschriftlich ergänzt. Hayn/Gotendorf geben ebenfalls bei ihrem Exemplar 8 handschriftlich ergänzte Blatt an! Die Ergänzungen wurden wohl im 19. Jahrhundert vorgenommen. – Etwas gebräunt und teils wasserrandig. 2 Blatt mit altem Tintenfleck, einige Blatt etwas schief beschnitten und eingebunden, dadurch im Bug etwas eng. Blatt 40 in Teil 3 mit etwas Buchstabenverlust.